Essstörungen

Dieser Beitrag soll dazu dienen, Ihnen einen groben Überblick über Essstörungen zu geben.
Sollten sie sich in einem dieser Punkte wiederfinden, überlegen Sie sich, ob zumindest ein Beratungsgespräch bei einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin bezüglich der Problematik nicht sinnvoll wäre.

Es gibt verschiedene Arten von Essstörungen. Am Meisten bekannt sind die Anorexie (Magersucht) und die Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Aber auch die Binge-Eating-Disorder (Fresssucht) ist weit verbreitet.

Im folgenden sollen diese 3 Formen der Essstörungen näher erklärt werden:

Anorexia Nervosa/Anorexie (F50.0)

Anorexia Nervosa oder Anorexie ist der medizinische Fachbegriff für Magersucht. Es handelt sich um eine Erkrankung, bei der Betroffene einen starken Gewichtsverlust herbeiführen, wodurch der Körper über einen längeren Zeitraum unzureichend ernährt wird. Unterernährung ist die Folge. Die Gewichtsabnahme wird herbeigeführt indem immer mehr Lebensmittel vermieden, die Portionen immer kleiner oder einzelne Mahlzeiten komplett ausgelassen werden. Manche Betroffene wenden zudem zusätzliche Maßnahmen an, um den Gewichtsverlust voran zu treiben. Hierzu zählen beispielsweise intensiver Sport oder Erbrechen.

Die Gründe, warum Menschen eine Anorexie entwickeln, sind unterschiedlich. Anfangs sind viele davon überzeugt, sie haben Kontrolle über ihre Gewichtsabnahme. Ist in manchen Fällen sicher auch der Fall. Im Überwiegenden Teil allerdings übernimmt die Anorexie eine Art Eigendynamik. Das heißt sie verselbstständigt sich. Die Verhaltensstrukturen und Gewohnheiten verfestigen sich und ohne professionelle Hilfe kommen viele aus diesem Teufelskreis nicht mehr raus.

In der Regel treten Essstörungen auf, wenn die Verletzbarkeit im Leben besonders groß ist und Veränderungen passieren, die überfordern.

Bei Jugendlichen scheint vor allem der Eintritt in die Pubertät eine sehr sensible Phase zu sein. Die Verantwortung nimmt zu, ein weiterer Schritt der Ablöse vom Elternhaus steht an und der Körper verändert sich. Kommen weitere Probleme dazu, kann dies überfordern. Unsicherheiten hinsichtlich der eigenen Sexualität, familiäre Probleme, Mobbing in der Schule, allgemeines Unwohlfühlen im Körper, Vergleiche mit Anderen, Leistungsdruck und vieles mehr können dazu führen, dass Jugendliche das Gefühl des Kontrollverlusts haben. Die Fokussierung aufs Essen kann dann das Gefühl geben, zumindest eine Sache im Griff zu haben und kontrollieren zu können. Es gibt Sicherheit. Die Anorexie kann demnach zum Teil auch als eine Art Kontrollversuch angesehen werden.

Aber nicht nur Jugendliche entwickeln Essstörungen. Auch im Erwachsenenalter gibt es Lebensereignisse, die den Alltag aus dem Gleichgewicht bringen können. Etwa die Trennung vom Partner oder der Partnerin, der Verlust einer nahestehenden Person oder der Auszug der Kinder. Eine einschneidende Phase sind für Frauen außerdem die Wechseljahre. Ähnlich wie die Pubertät ist die Menopause eine Phase der biologischen und emotionalen Veränderung. Der Körper produziert weniger Östrogene, die Stimmung schwankt, irgendwann bleibt die Regelblutung aus. Das Bindegewebe kann schwächer werden, die Muskelmasse abnehmen und manche Frauen nehmen zu. Viele sehen dem mit Schrecken entgegen.
Grundsätzlich hat sich aber im allgemeinen unabhängig vom Lebensalter herausgestellt, umso mehr sich Personen gedanklich dem Essen, dem Körper und der Figur widmen, umso höher ist das Risiko in eine Essstörung zu rutschen.

Laut der ICD-10 Klassifikation gelten folgende Kriterien für die Anorexie:

Anorexia nervosa F50.0

  1. Tatsächliches Körpergewicht liegt mindestens 15 % unter dem erwarteten Gewicht oder der BMI beträgt 17,5 oder weniger.
  2. Selbst herbeigeführter Gewichtsverlust durch Vermeidung von hochkalorische Speisen sowie eine oder mehrere der folgenden Punkte:
    1. selbstinduziertes Erbrechen,
    2. selbstinduziertes Abführen,
    3. übertriebene körperliche Aktivität und/oder
    4. Gebrauch von Appetitzüglern oder Diuretika
  3. Körperschemata-Störung: Eigene Gewichtsschwelle wird sehr niedrig angelegt – überwertige Angst, dick zu werden.
  4. Endokrine Störungen: Hypothalamus-Hypophysen-Gonadenachse (Amenorrhoe = Ausbleiben der Regelblutung), Männer: Libido- und Potenzverlust, erhöhte Wachstums- und Cortisolspiegel, Änderungen des Schilddrüsenhormonmetabolismus und der Insulinsekretion können vorliegen.
    Beginn der Erkrankung vor Pubertät: körperliche Entwicklung verzögert/gehemmt

Die Anorexie hat somit eine starke körperliche Komponente. In der Behandlung ist daher eine enge Zusammenarbeit von PsychotherapeutInnen, InternistInnen und PsychiaterInnen zu empfehlen.

Bulimia Nervosa/Bulimie F50.2

Ähnlich wie bei der Anorexie sind viele Frauen betroffen. Das Alter bei Krankheitsbeginn liegt Studien zufolge allerdings etwas höher. Charakteristisch für die Bulimie oder auch „Ess-Brech-Sucht“ genannt sind wiederholende Heißhungerattacken. Für Betroffene ist es sehr schwierig und mit viel Kraft verbunden diesen Essanfällen wiederstand zu leisten. Meist werden große Mengen an Nahrungsmitteln verschlungen und unmittelbar danach wieder erbrochen.

Zu Beginn wird das Erbrechen meist manuell herbeigeführt, gewöhnt man sich daran, gelingt dies auch ohne entsprechend nachzuhelfen. Im Unterschied zur Anorexie ist das Körpergewicht meist nicht vermindert.
Dieses Verhalten kann bei Betroffenen zu ausgeprägter Karies führen und den Zahnschmelz angreifen. Weiters kann der Elektrolythaushalt im Körper aus dem Gleichgewicht geraten, eine Vergrößerung der Speicheldrüsen, sowie Mangelernährung bis hin zu Rupturen des Magens und der Speiseröhre können die Folge sein.
Betroffene beklagen zudem öfters über starke Schmerzen im Hals und Rachenraum, sowie Magenkrämpfe.

Die ICD-10 Kriterien lauten:

  1. Es treten häufig Episoden von „Fressattacken“ auf (in einem Zeitraum von 3 Monaten mindestens zweimal pro Woche). Dabei werden große Nahrungsmengen in sehr kurzer Zeit konsumiert.
  2. Andauernde Beschäftigung mit dem Essen sowie eine unwiderstehliche Gier nach kalorienreichen Nahrungsmitteln.
  3. In ihrer Selbstwahrnehmung fühlen sich Betroffene als „zu dick“ oder fürchten sich ständig, Gewicht zuzunehmen.
  4. Mit folgenden Verhaltensweisen wird versucht der Gewichtszunahme entgegenzusteuern: selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, zeitweilige Hungerperioden, Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika

Binge-Eating-Disorder F50.8

Die Binge-Eating-Disorder ist eine Essstörung, die sich durch regelmäßige Essanfälle charakterisiert. Anders als bei einer Bulimie versuchen die Betroffenen nicht, die Essattacken durch Erbrechen auszugleichen, um einer möglichen Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Die Störung kann jedoch in eine Bulimie übergehen.
Im ICD ist die Binge-Eating-Disorder nicht näher bezeichnet, sondern fällt unter sonstige Essstörungen, im DSM allerdings schon.

Aktuelle Kriterien nach DSM-5 (Diagnosesystem aus dem englischen Sprachraum):

Die Symptome der Binge-Eating-Störung umfassen demnach:

  1. mindestens einen Essanfall pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten
  2. Leiden infolge des Binge Eatings
  3. keine Kompensation
  4. während des Essanfalls: Kontrollverlust und Verzehr einer großen Nahrungsmenge

Zusätzlich müssen mindestens drei der folgenden Symptome auftreten:

  1. hastiges Essen („Schlingen“).
  2. Essen bis zu starkem Völlegefühl.
  3. Essen großer Nahrungsmengen ohne körperlichen Hunger
  4. Alleinessen (aus Scham)
  5. nach dem Essanfall: Ekel über sich selbst, Schuldgefühle und/oder Depression.

Buchtipps

Autorin

Katja Isele, BA MA
Verhaltenstherapeutin
Schwerpunkt Essstörungen
 
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